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Info-Reihe Geburtstrauma Teil II: Wer oder was löst ein Geburtstrauma aus?

Im zweiten Teil unserer Info-Reihe zum Thema "Geburtstrauma und belastende Schwangerschaften" geht es um die Auslöser traumatischer Erfahrungen vor, während und nach dem Kreißsaal. Wieso erleben Frauen Geburten als belastend und warum nicht? Was passiert mit ihnen im Moment der Belastung? Ist das alles normal oder reagieren die Betroffenen nur empfindlich oder gar hysterisch? 

 


 

Als wir uns im ersten Teil der Info-Reihe mit der Frage "Was ist ein Trauma überhaupt?" beschäftigt haben ist bereits deutlich geworden, dass es gar nicht so einfach zu definieren ist. Viel mehr sind unsere Gefühle, die aus dem Erlebten resultieren von Bedeutung, als das was passiert ist. Und genauso verhält es sich auch mit den Auslösern von Geburtstraumata. Nicht jede Frau, die einen (Not-)Kaiserschnitt, einen tiefen Dammriss, eine lange schmerzhafte Geburt oder eine Frühgeburt erlebt hat ist automatisch traumatisiert. Genauso wenig ist jede Frau, die eine spontane vaginale Entbindung hatte überglücklich damit. Von Natur aus versuchen wir die Dinge zu kategorisieren, zu strukturieren, um uns einen Überblick verschaffen zu können: Belastung - keine Belastung! Es gibt Geburtserlebnisse, die von Außenstehenden ohne wenn und aber als belastend eingestuft werden. Dazu gehören beispielsweise eine stille Geburt, eine extreme Frühgeburt mit Folgen für das Kind oder einen Notkaiserschnitt bei dem um es um Leben und Tod ging. Hier ist ganz offensichtlich etwas passiert, dass bei den Beteiligten eine tiefe Erschütterung ausgelöst hat. Darüberhinaus gibt es jedoch auch Auslöser belastender Geburten, die nicht offensichtlich als belastend erkannt werden: schnelle Geburten, Geburten, die weit nach dem errechneten Termin beginnen, eingeleitete Geburten, die sich scheinbar ewig hinziehen oder sehr schmerzhafte Geburten, die schnell mit dem Spruch abgetan werden "Gebären tut halt weh!". Bei diesen Geburtserlebnissen ist Außenstehenden nicht klar, wieso die Frau darunter leidet. Überwindet sich die Frau mit jemandem über ihre Erlebnisse und Empfindungen zu sprechen läuft sie Gefahr einen beschwichtigenden Kommentar zu ernten. Dieser führt oft dazu, dass die Betroffene selber ihre eigenen Gefühle unterdrückt und ihre Belastung ignoriert. Schlimmer noch im stillen leidet. Ich erlebe es immer wieder, dass Frauen erst nach langer Zeit des Haderns und Leidens zu mir in die Praxis kommen, um Hilfe zu erhalten. Sie finden ihre Erlebnisse oft nicht schlimm genug, um Unterstützung einzufordern. Auch wenn ihre Gefühle ihnen etwas anderes sagen. Es geht nicht darum, was passiert ist. Sondern viel mehr darum, wie wir uns damit fühlen und was die Erlebnisse mit uns machen: Sind wir traurig, wütend, beschämt,...? Beeinflusst das Erlebnis unseren Alltag? Drehen sich unsere Gedanken nur um die Geburt? Können wir nicht aufhören darüber nachzudenken? Leidet die Beziehung zu unserem Kind oder Partner darunter? 

 

Wir fühlen uns ohnmächtig durch eine plötzliche Wendung!

 

Weniger das was passiert, sondern mehr unsere Empfindungen spielen wieder eine wichtige Rolle. Oft fängt die ganze Misere damit an, dass wir etwas unvorhergesehenes erleben. Die Herztöne des Kindes im CTG fallen immer wieder ab und niemand weiß warum. Die Geburt muss eingeleitet werden, plötzlich setzen starke Wehen ein, auf die wir nicht gefasst waren oder das Kind muss nach der Geburt auf die Intensivstation verlegt werden um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Die Geburt, die Schwangerschaft oder das Wochenbett erfährt eine Wendung, die wir nicht eingeplant hatten, auf die wir nicht vorbereitet sind. Oftmals kommt in solchen Situationen Hektik und Stress auf. Diese kann im Äußeren und /oder im Inneren wahrgenommen werden. Wir fühlen uns ohnmächtig, überfordert, haben keine Möglichkeit auf diese Wendung zu reagieren und sind ihr schutzlos ausgeliefert. Schutzlos? Nicht ganz! Denn unser Körper fängt an dieser Stelle an, seinen Schutzmechanismus zu entfalten: Er stellt auf Autopilot um! Alles was ab jetzt passiert erleben wir in einer Art Tunnel oder hinter einem Schleier. Die Ereignisse rauschen an uns vorbei. Wir sind womöglich nicht richtig ansprechbar oder vergessen einzelne Episoden. Manche Frauen werden sogar zeitweise (körperlich) ohnmächtig. Unsere geistigen Fähigkeiten sind überfordert und unser Unterbewusstsein nimmt jede Sekunde der Situation auf. Ist die Geburt vorüber herrscht oft Stille, wie nach einem heftigen Sturm. Wir sind in einer Art Schock-Starre. Wir empfinden nichts und das belastende Ereignis scheint ganz weit entfernt. Erst danach, wenn unser Geist sich wieder in sicheren Fahrwassern wähnt lösen wir uns langsam aus dieser Starre und können realisieren was passiert ist. Die Gefühle brechen über uns herein, wir erinnern uns an die belastende Situation. Jedoch mehr bruchstückhaft und ungeordnet. Manches mal scheint die Erinnerung an eine belastende Geburt wie ein Puzzle, das in seinen Einzelteilen ungeordnet auf einen Haufen gekippt worden ist. Unsere Aufgabe ist es nun die Einzelteile zu sortieren und die einzelnen Fragmente passend zusammenzufügen, um ein ganzes (Puzzle-)Bild zu erhalten. So können wir das Erlebte verarbeiten, die Belastung entlasten und uns mit diesem Abschnitt unseres Lebens aussöhnen.

Oftmals gehen dieser plötzlichen Wendungen schon die ein oder andere stressige Situation voraus. Viele Patientinnen berichten, dass schon im Vorfeld der Geburt die ein oder andere Unstimmigkeit aufgetreten ist, welche Unruhe ausgelöst hat: Das Gespräch über eine mögliche Einleitung, da der Geburtstermin bereits überschritten worden ist, das Gewicht des Kindes wird sehr hoch eingestuft und der Frau nahegelegt direkt einen Kaiserschnitt vorzunehmen oder Unstimmigkeiten bei der Entwicklung des Kindes, die dazu führen, dass die Geburt von Beginn an mit besonderer Anspannung beobachtet wird. Die Anspannung bei den werdenden Eltern insbesondere der Mutter und anderen Beteiligten baut sich langsam auf bis das erste Dominosteinchen fällt und die Situation kippt. Der Beginn kann dabei schon in der Schwangerschaft liegen, ihren Höhepunkt während der Geburt haben und das Ende erst im Wochenbett erreicht werden. Für die Verarbeitung einer belastenden Geburt ist es wichtig zu wissen, wodurch genau die Belastung hervorrufen worden ist. Welche die Auslöser sind.

 

Auslöser sind individuell und die resultierende Belastung oft nicht für Außenstehende erkennbar

 

Die Auslöser für belastende Geburten sind so individuell, wie die Frau und ihre bisherige Lebensgeschichte. Der Beginn einer belastenden Geburtsgeschichte kann schon in der Schwangerschaft liegen oder erst im Wochenbett enden. Die Empfindung zählt um weiten mehr, als die Geschehnisse selber. Oftmals ist die Belastung der Betroffenen für Außenstehende nicht erkennbar. Dies führt dazu, dass die Frauen sich nicht trauen über ihre Erlebnisse zu sprechen, ihre Empfindungen verharmlost werden und Hilfe nicht oder erst nach langer Leidenszeit in Anspruch genommen wird. Zu wissen, welche Auslöser bei der eigenen Geburtsgeschichte ausschlaggebend sind, ist enorm wichtig, wenn nicht sogar grundlegend für die erfolgreiche Verarbeitung und Aussöhnung.

 


 

Liebe Frauen, traut euren Empfindungen, redet sie nicht klein, vergleicht eure Erlebnisse nicht mit anderen womöglich schlimmeren Horrorgeschichten.

 

Sucht euch Hilfe, wenn ihr die Geburt eures Kindes, eure Schwangerschaft oder euer Wochenbett als belastend empfindet!

 


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